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Gerüchte

Hintergrunde der Gerüchteküche

Jean-Noël Kapferer, 1955 in Paris geboren, ist Professor für Soziologie an der HEC (Hautes études commerciales) in Paris. Auf die Gerüchteforschung kam Kapferer Mitte der siebziger Jahre, als in Frankreich gerade wieder einmal das Gerücht umging, irgendwelche Bösewichte würden im grossen Stil Lebensmittel vergiften ? ein klassisches und immer wiederkehrendes Gerüchtemotiv. Kapferer erforscht somit seit zwanzig Jahren die Mechanismen, Funktionen und Auswirkungen «des ältesten Massenmediums der Welt».

Neben anderen vielbeachteten wissenschaftlichen Publikationen hat er das Buch «Rumeurs ? le plus vieux média du monde» verfasst und bis vor kurzem die von ihm gegründete Stiftung für Gerüchteforschung, die Fondation pour l'étude et l'information sur les rumeurs, präsidiert.Ähnlich wie der amerikanische Soziologe Shibutani, der Gerüchte «ein wichtiges Ereignis von zweideutigem Charakter» nennt: als nicht nachprüfbare Neuigkeiten, die innerhalb einer Gruppe zirkulieren. Andere amerikanische Pioniere der Gerüchteforschung sagen, beim Gerücht deute nichts auf den Wahrheitsgehalt des Erzählten hin. Auch die meisten weiteren Erklärungsversuche basieren auf der Annahme, dass ein Gerücht falsch sein muss, weil sein Inhalt nicht von offizieller Stelle abgesegnet wurde. Etymologisch gesehen haben all diese Phänomene klangreichen Effekt. Der französische Ausdruck für Klatsch, «ragot», bedeutet auch «Grunzen des Wildschweines», was vieles über den Charakter des Klatsches, des Geschwätzes aussagt: an der Grenze zur Verleumdung, wird mit Klatsch und Tratsch ? oft unter vier Augen ausgetauscht ? absichtlich und böswillig Schaden angerichtet. «Bruit», auch mit «Geräusch» übersetzt oder mit «ich habe gehört . . . », sagt viel über den etwas feigen Charakter dieser Art «Nachrichten» aus, die, wie das Gerücht auch, keine offiziellen oder gar keine Quellen haben. Im Gegensatz zum Klatsch, der oft sehr privater Natur ist, liegen Gerüchten Ansichten und Gefühle zugrunde, die ein grosses Publikum teilt. Im Gegensatz zum Klatsch und Tratsch wollen Gerüchte nicht a priori Schaden anrichten. Mitunter, natürlich bei weitem nicht immer, haben sie sogar ihre moralische Berechtigung. Mit banalem Geschwätz haben sie wenig zu tun. Gerüchte sind meistens Gemeinschaftswerke, und sie entstehen - das haben Untersuchungen gezeigt - in allen sozialen Schichten, so wie sie auch ihre Zielscheiben in allen Schichten haben. Erzeugt werden sie von jenen, die einen direkten Bezug zu den Personen und Ereignissen haben. Bei der Schaffung von Gerüchten und ihrer Verbreitung gibt es feine Motivationsunterschiede: es gibt Leute, die aus reiner Lust ein Gerücht fabrizieren und es geniessen, wenn es in Umlauf kommt. Sie glauben nicht daran und betrachten es nicht als eine «Alternativwahrheit». Andere erzeugen Gerüchte, um die eigenen Moralvorstellungen und eigene Unsicherheit oder Schwäche zu legitimieren. Die Renner unter den GerüchtenBeliebt sind Gerüchte über Vergiftungen, über obskure Krankheiten, dann politische Gerüchte über Komplotte und Attentate; in der Geschäftswelt sind es Gerüchte über geplante Beförderungen, drohende Entlassungen, mögliche Bankrotte; in der Familie jene über regelwidrige Liebschaften, über das Verschwinden und Wiederauftauchen von Familienmitgliedern, über uneheliche Kinder. Es gibt die immer wiederkehrenden Gerüchte, es gibt Langzeit- und Kurzzeitgerüchte, historische Gerüchte und Modegerüchte.


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